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Kalt. Kälter. Transarctica.

transarctica-floppy-diskEin Beitrag zum Blogprojekt 52 Games, diesmal rechtzeitig. Thema #2: Kälte.

Weihnachten im Jahr 2022. Der Treibhauseffekt sorgt dafür, dass es überall kuschelig warm ist. Viel zu warm, leider, denn die Erde steht kurz vorm Kollaps. Da kommen ein paar Wissenschaftler mit der Idee um die Ecke, Nuklearwaffen an Nord- und Südpol zu zünden, um durch aufgewirbelten Dreck und Dampf die Sonnenstrahlen von unserem Heimatplaneten fernzuhalten. Der Plan ist natürlich kühn, die in Aussicht gestellte Abkühlung jedoch überlebenswichtig und so wird „Operation Blind“ letztendlich durchgewunken. Mit fatalen Folgen, was sehr schlecht für die Menschheit, aber sehr gut für unser Thema ist.

Zeitsprung, ein paar Jahrhunderte später. Die Freude über das grundsätzlich geglückte Experiment dürfte von äußerst kurzer Dauer gewesen sein, denn nicht unerhebliche Irrtümer in der Kalkulation sorgten für eine verheerende Fehleinschätzung der Auswirkungen der Sprengungen. Es wurde kalt, sehr kalt sogar, viel zu kalt. Im folgenden, nuklearen Winter gefror der Planet, fast die gesamte Zivilisation ging elendig zu Grunde und nur noch ein paar verfallene, quer über den (weißen) Erdball verteilte Städte dienen den Überlebenden fortan als Bahnhöfe und Handelsstationen. Bahnhöfe? Richtig: Im Jahr 2714 geht nichts ohne Züge. Sie sind das einzig verbliebene Transportmittel, Braunkohle dient in diesen Zeiten als Brennstoff und als Währung. Das immens wichtige Schienennetz wird komplett von der skrupellosen „Viking Union“ kontrolliert, nur der namensgebende, mächtige Zug steht dem Spieler zur Verfügung. Gestohlen, versteht sich. Mit ein paar Waggons, wenigen, gleichgesinnten Rebellen und gerade mal genug Kohle, um nicht gleich in der ersten Woche zu erfrieren, startet man in eine feindliche, arschkalte Welt. Für eine bessere Zukunft und auf der Suche nach Hinweisen zu diesem mythischen Ding namens „Sonne“.

Gleis kaputt.


1993, also 29 Jahre vor der Katastrophe, versanken wir regelrecht in Transarctica. Irgendwer schleppte zwei gerade noch leserlich bekritzelte Disketten an, wie es damals eben so war und dann wurde Silmarils’ eigenwilliger Mix aus Grafik-Adventure, Echtzeit-Strategie und Zug-Simulation zum Selbstläufer. Nach der trial-and-verrecke-Methode wurde man klüger, besser, mächtiger und das tat dem Planeten sichtlich gut. Wie ergeifend es war, als neben den ersten Gleisen spärliche, grüne Flächen sichtbar wurden und wie unbesiegbar ich mich fühlte, als ich nach unzähligen Niederlagen das erste Zuggefecht gegen eins der bis dahin unbezwingbaren Stahlmonster der Viking Union gewann… Hach, good ol’ times. Auf dem Pausenhof über Braunkohle, Mammuts und Sklavenarbeit diskutieren und dann schnell nach Hause, um die neuen Erkenntnisse auf den Schienen gegen Schnee und Eis einzusetzen.

Ich erinnere mich daran, dass das gute Ende irgendwann abzusehen und dann kaum noch aufzuhalten war. Aber der Weg bis dahin ist lang, steinig und vor allem knackig kalt. So kalt, dass der Winter 2012 zum Nacktbaden einlädt. Und den Planeten gerettet zu haben, besser als diese allgegenwärtige Kälte gewesen zu sein, fühlte sich selten nochmal so befriedigend an wie in Transarctica.

Jahrgang ’77. Ehemann. Vater. Nochmal Vater. Hortet unfassbar viele Spiele in einem Raum voller Chaos und nennt diesen Zustand liebevoll Sammlung. Mag Bücher und Fußball und Boxen und Videospiele in Schachteln. // twitter.com/bluntman3000

7 Comments

  • balkantoni

    WOS! Es schreibt keiner was? Nun: Ich liebte dieses Spiel. Ich bekam es in irgend einem Bundle und war – wie so bei ziemlich jedem Silmarils-Spiel („Robinson’s Requiem“ anyone?) vollends überfordert. Spielte aber dennoch täglich. Wenn es bei GOG auftauchen würde, so würde ich es ja direkt kaufen – immerhin verkaufen sie „Ishar“!

  • bluntman3000

    Whoarrr, Robinson’s Requiem! Dschungel, Zentauren, Verletzungen, Fieber, Wundbrand, Selbstamputationen. Ich erinnere mich gerade mit Phantomschmerzen. Was für ein Spiel! Hatte man überhaupt ein anderes Ziel, als schlichtes Überleben? Dort trat das von dir beschriebene Silmarils-Gefühl bei mir auch ein. Irgendwo, absolut planlos in einer riesigen und sehr faszinierenden Welt. Ich glaube, RR war damals typischer Kandidat für 70er Tests. Wenn überhaupt.

    Schade, dass 3D-Games so furchtbar schlecht altern, ein Remake würde ich sofort kickstarterbacken, Ehrensache!

  • bluntman3000

    Nein, leider nicht. Ich hab mal davon gelesen, ich glaube auf thelegacy.de, es jedoch bis heute erfolgreich verdrängt. Grad mal eBay angeworfen, schade, dass „retro“ dort fast nur noch mit Sofortkaufpreisen straight aus der Hölle einher geht.

    Hast du selbst „Deus“ gespielt?

  • Dorin

    Ich hab es auch seinerzeit von der PC Joker Heftcd gehabt und konnte erstmal garnix damit anfangen. Aber ich war begeistert von der Zeichnung auf der Box. Diese riesige, archaische Lokomotive mit all ihren bedrohlich wirkenden Details, hatte mich in ihren Bann gezogen. Nach einer Weile hatte ich dann endlich raus wie man hin- und herfährt und Geschäfte macht. Die Zugkämpfe hab ich regelmäßig verloren und hatte nichtmal den Hauch einer Ahnung wie man das schaffen soll. Das Spiel ist dann für Jahre in die Kramskiste geflogen. Vor 4 Jahren hab ich es rausgekramt. Ähnlich desaströses Ergebnis. Aber zähes Ausprobieren hat irgendwann zum Erfolg geführt. Sogar von der Story hab ich etwas mitbekommen. Es war ein richtiges Nostalgiefieber ausgebrochen. Ich hab eine Karte des Streckennetzes angefertigt und Exceltabellen mit Waren/Preisen angelegt. Es hat trotzdem mehrere Wochen gedauert das Spiel zu meistern. Wer die Geduld hat sich in das Spiel einzufuchsen, und sich auch nur im Geringsten für das Szenario erwärmen kann, sei eine volle Empfehlung ausgesprochen.

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