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WAS WÄRE WENN? #01

rocky-balboa-coverWas wäre wenn es hier eine Rubrik gäbe, die „WAS WÄRE WENN?“ hieße und sich mit der Frage beschäftigte, was wäre, wenn Feature X in Spiel Y nicht komplett vergessen, hammerdämlich umgesetzt oder sträflich vernachlässigt worden wäre? Fände ich voll gut und würde direkt was dazu schreiben, das wäre wenn.

Und so geht’s los: Rocky Balboa für die altehrwürdige PSP!

Vorweg: Ich bin Freund des organisierten Fausttanzes, Freund der Rocky-Filme und deswegen naturgemäß Freund von allem, was Boxsport und Videospiele verbindet. Vor Jahren kaufte ich „Rocky Balboa“ als PSP-Schnäppchen im nahen Supermarkt, sortierte es direkt in den Stapel der Schande™, vergaß es weil ich alt bin und fasste es seitdem nicht mehr an. Bis zum 6. April 2012. Karfreitag + 12 Uhr mittags + Frau und Tochter mit Grippe bzw. Fieber im Bett = beste Zeit, furchterregende Gegner hart zu bestrafen.

Zeitsprung: 180 Minuten später. Der gute, alte Rocky hatte sich wirklich Mühe gegeben, bei mir zu punkten. Ich sah Blut, Schweiß und verbeulte Gesichter, tänzelte mit C-Klasse Gegnern durch leere Gyms und hörte meinen Namen durch randvolle Arenen hallen. Ich marschierte durch die verheerendsten Ringschlachten seit Mittelerde und blieb am Ende sogar überraschend oft als Sieger auf der Matte stehen.

We put a living room in your boxing game so you can box in your living room while playing boxing in your living room.


In seinen besten Momenten ist „Rocky Balboa“ dabei wirklich spektakulär, etwa wenn man sich durch besonders harte Treffer in einen Kampfrausch prügelt, in dessen Zeitfenster der Opponent sehr viel langsamer als normal agiert und eine mörderische Bombe nach der anderen frisst. Die Sound-FX sind in diesen Szenen brachial übersteuert, so dass jeder Treffer den Schmerz beinahe hörbar macht – beeindruckend! Ganz und gar nicht beeindruckend ist die Steuerung, die sich auf schmalem Grat zwischen wildem Tastenterror und kaum lösbaren Balance-Minispielchen bewegt. Keine Frage: Niederlagen gehören zum Sport. Aber zu verlieren, nur weil der Analogstick spinnt, stinkt nach Exkrementen. Isso.

Wer bis hierhin mitgelesen hat, fragt sich möglicherweise, was das alles mit dem einleitenden WAS WÄRE WENN? Gedanken zu tun hat. Nun, selbst die teilweise verkackte Spielmechanik hätte ich in Kauf genommen, weil ich „Rocky Balboa“ von ganzem Herzen lieben wollte, aaaaber: Wo zur Hölle ist die Story? Hallo?? Ubisoft??! Dieses eine, ganz einfache und so nahe liegende Feature, welches aus dem simplen Button-Gekloppe ein motivierendes Spiel gemacht hätte, fehlt unverständlicherweise komplett! Die Gegner sind wie in jedem x-beliebigen Low-Budget-Prügler frei wählbar, ebenso die Arenen. Ein paar „historische Kämpfe“ – ebenfalls frei wählbar – schalten nach und nach neue Boxer und noch mehr historische Kämpfe frei. Und das war’s. Bitte gehen Sie weiter, mehr gibt’s hier nicht zu sehen.

Mehr ist nicht. Wirklich.


Wie wunderbar hätte alles sein können, wenn man „Rocky Balboa“ einen Karrieremodus gegönnt hätte. Wie großartig UND VERDAMMT LOGISCH es gewesen wäre, als junger, italienischer Hengst in den dreckigsten Turnhallen die ersten, harten Dollars zu verdienen, um Stunden später mit blutigen Daumen und Sehnenscheidenentzündung Ivan Drago durch die Moskauer Ringseile zu hauen. Schweinehälften-Sparring auf dem Weg zum Titelkampf, eine gescriptete Niederlage gegen B. A. Baracus Clubber Lang? Klar, macht Sinn und das Spiel bestimmt interessant – aber mich fragt ja keiner. Nie.

Am Ende ist „Rocky Balboa“ allerhöchstens Beat ‚em up Standardstoff, was einfach nur enttäuschend ist. Abgesehen von ordentlich modellierten Figuren und dem bekannten Soundtrack hat es einfach nichts, was es von ähnlich gestrickter Massenware abheben oder gar zu einem empfehlenswerten Titel machen könnte. Ich betrachte den Stapel der Schande™ und ärgere mich um die vergebene Zeit, die ich dem Spiel schenkte. Immerhin, besser als mit Grippe im Bett zu liegen. Viel mehr aber auch nicht.

Jahrgang ’77. Ehemann. Vater. Nochmal Vater. Hortet unfassbar viele Spiele in einem Raum voller Chaos und nennt diesen Zustand liebevoll Sammlung. Mag Bücher und Fußball und Boxen und Videospiele in Schachteln. // twitter.com/bluntman3000

3 Comments

  • staR-Kron

    das ist ja mal wirklich dämlich von UbiSoft. Hab, glaube ich, auch noch ein Rocky Game für die Xbox irgendwo in den Regalen, welches noch nie die Ehre hatte, von mir gespielt zu werden. Sollte ich evtl. mal machen, denn Rocky/Stallone ist einer der Helden meiner Kindheit 😀 Gab doch auch min. 2 Teile von dem Spiel, womöglich hat man das ja im Nachfolger besser gelöst.

  • bronco

    Der Stapel der Schande ist aufgewertet worden. Offensichtlich nicht durch das Spiel sondern dadurch, dass Du Ihn jetzt „getrademarkt“ hast. Isser inzwischen so wertvoll? ^^

    • bluntman3000

      Er wird höher und höher und allein deswegen immer wertvoller 😉 Ich bin noch nicht ganz sicher, ob ich das digitale Sammelbecken meiner Steam- und XBLA-Games auch mit dazu zählen sollte. Oder müsste. Weil es Stapel nicht gerade weniger schändlich machen würde….

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