legend-of-the-red-dragon-title52 Games, Thema #7: Sex.

In den frühen 1990er Jahren war ich sehr jung, sehr verliebt in Videospiele aller Art und sehr begeistert von den virtuellen Möglichkeiten, die mir das 28.8k Modem meiner Eltern bot. In einer Welt ganz ohne Grafik und Sound besiegte ich gestandene Männer und furchteinflößende Tiere, sammelte Gold, Diamanten und Ruhm wie andere Leute Ü-Ei Figuren und nicht zuletzt verführte (!) und heiratete (!!) ich die heißeste NPC-Braut, die ich je nicht gesehen hatte.

Irgend eine Mailbox, an deren Namen ich mich nie mehr erinnern werde, hostete damals das Spiel Legend of the Red Dragon. Text- und rundenbasiert zog man durch verwunschene Wälder, kämpfte gegen wilde Bestien, gegen andere Spieler, am Ende sogar gegen einen roten Drachen und kniff, während man sich im Wirtshaus vom Stress des Abenteurerlebens erholte, schönen Damen in den Hintern. Genauer gesagt: EINER schönen Dame: Violet! Ihr könnt euch kaum vorstellen, welche Anziehungskraft dieses wunderschöne, weibliche Wesen auf mich und meine Mitstreiter damals hatte, deshalb möchte ich versuchen, ihre feenhafte Erscheinung mit einem Screenshot einzufangen:

Violet. In ihrer ganzen Pracht!


Was für eine Frau! Pro Tag durfte man nur eine einzige Aktion starten, um ihre Gunst zu gewinnen, den eigenen „charm“ Level zu steigern und letztendlich um ihre Hand anzuhalten, was – Erfolg vorausgesetzt – zur Hochzeit und damit zu sofortigem Beischlaf führte. Diese Aktionen bestanden im einzelnen aus:

(w)ink
(k)iss her hand
(p)eck her on the lips
(s)it her on your lap
(g)rab her backside
(c)arry her upstairs
(m)arry her

Damit nicht genug: Sofern man seinen „charm“ auf ein heiratsfähiges Level gebracht hatte und sich nach den Chancen zur Eheschließung erkundigte, Violet zu diesem Zeitpunkt aber mit einem anderen Spieler verheiratet war, bekam man ihre hässliche Schwester aufgezwängt und das schamlose Buhlen begann von neuem. Am nächsten Tag, versteht sich.


Dank eines unfassbar glücklichen Zufalls meines umwerfend guten Aussehens und dem Ruf, der mir vorauseilte, heiratete mich Violet schon beim ersten Versuch. In der Hochzeitsnacht hatten wir wildesten Sex, visualisiert durch ein paar emotionslose, grüne Buchstaben auf schwarzem Hintergrund und kurz darauf gebar sie mir ein Kind. Kinder bedeuteten mehr Aktionspunkte, die direkt für mehr Kämpfe im nahe liegenden Wald eingesetzt werden konnten. Ach Violet, geliebte Violet, für ein paar Augenblicke drehte sich die Welt nur um uns. Nicht weniger als alles, wirklich alles schien möglich…

Einen Monat später war das Abenteuer für mich beendet. Verfluchter Alltag, verdammte Routine: Sexy Violet hatte sich gerade von mir scheiden lassen und mein Vater hatte die monatliche Rechnung der Telekom geöffnet. My heart skipped a beat: 800 DM (Achthundert Deutsche Mark) standen unter dem Strich. Schwarze Schrift, nicht mal die seit Tagen gewohnte, verlockende, grüne. Was meinen Vater verständlicherweise nicht davon abhielt, sich anhaltend (und laut!) nach meinem Geisteszustand zu erkundigen. Tagelang. Es dauerte beinahe zwei Jahre, bis ich den Schuldenberg, den mir die Ehe mit Violet eingebracht hatte, abgezahlt hatte.

So war er eben, der virtuelle Sex der frühen 1990er Jahre: Abstrakt. Kurz. Schweineteuer. Aber definitiv denkwürdig.